Das Werkbank Deutschland Projekt

Die begrenze Macht der Ideen, oder: der vergebliche Versuch die politische Kommunikation mit Hilfe des Internets zu revolutionieren.

Theorie

Ausgangspunkt war unsere Unzufriedenheit über die mutwillige Personalisierung der politischen Debatten in den Medien. Schon vor dem Wahlkampf 2005 bestand die Strategie der Opposition darin, einzelnen Persönlichkeiten der Regierung Unfähigkeit vorzuwerfen, ohne dabei auf die Sachthemen einzugehen, geschweige denn selbst konstruktive Gegenentwürfe einzubringen.

Wikipedia

Das Internet bietet hierzu vielversprechende alternative Kommunikationsformen, insbesondere diejenige, die das Lexikaprojekt Wikipedia vorgeführt hat. Eine schier unbegrenzte Zahl anonymer Autoren arbeitet dort gemeinsam an einem mehrsprachigen, kostenlosen Universallexikon. Zehntausende beteiligten sich, und nach wenigen Jahren nähert sich inzwischen die deutsche Ausgabe in Umfang und Qualität dem Brockhaus an.

Koalitionsprogramm

Dasselbe Prinzip wollten wir für politische Debatten einführen. Um den Einstieg zu erleichtern entschieden wir uns im Frühling 2005 das damals noch gültige rot/grüne Koalitionsprogramm als Diskussionsgrundlage anzubieten. Wir unterteilten den Text thematisch, nicht in große Sachgebiete, sondern in kurze Artikel, die jeweils ein spezielles Problem, und den dazugehörigen Reformansatz der Bundesregierung beinhalteten.

Dreiteilung

Die neue Diskussionsplattform ist so strukturiert, dass jedes Thema mit einer möglichst objektiven Analyse der Tatsachen beginnt. Danach folgt ein Abschnitt mit möglichen Reformvorschlägen, die den zuvor eingegrenzten Missstand politisch lösen könnten. In einem deutlich abgegrenzten dritten Abschnitt „Diskussion“, können auftretende Differenzen zwischen verschiedenen Autoren geklärt werden. Das Ergebnis der Diskussion soll schließlich immer wieder in die beiden ersten Abschnitte einfließen. Mittels dieser Methode liegt der aktuelle Stand der Debatte stets in Form zweier kompakter Texte (Problembeschreibung und Reformvorschlag) vor. Neuen Diskutanten ermöglicht das einen leichten Einstieg, Kritiker müssen inhaltlich argumentieren, da die Autorenschaft der so entstandenen Texte anonym bleibt. Partei- und Klassenzugehörigkeit, rhetorische Fähigkeiten, sowie das äußere Erscheinungsbild der Autoren - all dies wird ausgeblendet. Nur die reinen Ideen sind sichtbar.

Zielgruppe Jedermann

Zu Beginn war der Einzugsradius des Projektes extrem breit angelegt. Jedermann sollte die Probleme in seinem jeweiligen Spezialgebiet schildern, und Lösungsvorschläge in die Debatte einbringen. Die Hausfrauen beim Mietrecht, der Geophysiker bei der Erderwärmung. Das Onlineforum sollte eine Plattform bieten, auf der Themen, die die traditionelle Medienöffentlichkeit nicht behandelt, von den jeweils Betroffenen publiziert werden können, mit der Aufforderung, gleichzeitig passende Reformansätze vorzuschlagen. Wir wollten Raum schaffen für die basisdemokratische Arbeit an einem umfassenden Reformprogramm für Deutschland.

Praxis

Soweit die Theorie. Im Sommer 2005 ging das Projekt unter der Adresse www.werkbankdeutschland.de an den Start. Die Technik war ausgereift, die Bedienung einfach, zu vielen Themen waren als Einstieg die Vorschläge der rot/grünen Regierung nachzulesen.

ins Rollen kommen

Bevor wir das Projekt einer breiten Öffentlichkeit vorstellen wollten, sollte die Diskussion in einem kleinen Rahmen schon begonnen haben, um bei der Pressekampagne erste Ergebnisse vorweisen zu können. Aus diesem Grund schrieben wir mehrere hundert Professoren in deutschen Politik- und Wirtschaftsfakultäten an, mit der Bitte, unter ihren Studenten auf das Projekt aufmerksam zu machen. Eine Folie mit einer stichwortartigen Projektbeschreibung war beigelegt. Eine Hand voll Professoren antwortete, alle durchaus positiv, oft mit der Beteuerung, wie wichtig unser Vorhaben sei. Eine konkrete Bestätigung, dass einer der Professoren tatsächlich seine Studenten informiert hätte, liegt nicht vor. Parallel dazu schrieben wir an die 150 Studienleiter der evangelischen Akademien, die sich als Zentren der politischen Diskussion in Deutschland begreifen. Der Einzige, der antwortete, schrieb: er befände die Idee für gut, selbst sehe er sich allerdings technisch nicht in der Lage an einer Diskussion im Internet teilzunehmen.

Um die unsere Ernsthaftigkeit und die Seriosität des Projektes klarzumachen, baten wir den Bundespräsidenten Köhler, die Schirmherrschaft zu übernehmen, oder zumindest ein Grußwort zu verfassen. Die Antwort seines Büros war: der Bundespräsident begrüße zwar die politische Diskussion der Bürger in Deutschland, er könne aber aufgrund der Vielzahl ähnlicher Initiativen unsere nicht besonders hervorheben.

herkömmliche Diskussionsforen

Als klar wurde, dass von Seiten der Professoren und ihrer Studenten keine Beteiligung abzusehen war, versuchten wir diejenigen zu erreichen, die schon politische Diskussionen im Internet führten. Auf den Internetseiten der großen Medieninstitutionen (Tagesschau, Spiegel, Zeit etc.) sowie auf den Seiten einiger Privatinitiativen gibt es etwa zwei Dutzend hochfrequentierte Diskussionsforen zum Thema Politik. Dort wird ein Thema in jeweils aufeinanderfolgenden Diskussionsbeiträgen abgehandelt. In allen Foren hinterließen wir den Hinweis auf das Projekt Werkbank Deutschland, sowie eine kurze Beschreibung der neuartigen Form der Diskussion.

die neuartige Diskussionsform der Werkbank

Erst als sich die Reaktion auf diese Hinweise erneut als nicht vorhanden erwiesen hatte, untersuchten wir die herkömmlichen Onlineforen genauer. Zum allergrößten Teil laufen dort die Diskussionen nach einem feststehenden Schema ab: Der erste Schreiber eines sogenannten Gesprächsfadens kritisiert in einem kurzen polemischen Text die Äußerungen eines Politikers aus der Tagespolitik. Der zweite Schreiber greift den Ersten namentlich an, unterstellt ihm Ignoranz, Begriffsstutzigkeit und Dummheit, ohne seine Kritik an den Argumenten des Ersten inhaltlich zu begründen. Auf eine Beleidigung folgt die nächste, und so weiter. In den Onlineforen wiederholt sich das, was im Fernsehen in den politischen Talkshows vorgemacht wird. Für denjenigen, der sich derart im Netz Luft machen will, ist die anonyme, sachorientierte Form der Werkbank Deutschland verständlicher Weise völlig uninteressant. Dort hätte er keinen namentlich greifbaren Gegenspieler vor sich, dem er seine Unterlegenheit vorwerfen könnte, sondern nur einen abstrakten Text, den es zu durchdringen gilt. Dieses Durchdringen des vorhandenen Textes ist die Voraussetzung, die erst erbracht werden muss, bevor man den Text, seinen eigenen Ansichten nach umschreiben kann. Das erfordert nicht zuletzt deutlich mehr Zeit, als ein schnell formuliertes Gegenargument unter die These eines anderen zu setzen, wie dies in Onlinediskussionen üblich ist, nachgerade bei allen sprachlich geführten Formen des Meinungsaustausches.

Die Wikipedia Community

Der stark erhöhte Zeitbedarf, den das gemeinschaftliche Verfassen eines Textes erfordert, führt manche Kritiker zu der Vermutung, dass das in dieser Weise entstandene Onlinelexikon Wikipedia hauptsächlich von Arbeitslosen verfasst wurde. Davon abgesehen: Auch die angeblich anonymen Wikipediaautoren ziehen eine bestimmte Art Kapital aus ihrer scheinbar ehrenamtlichen und uneigennützigen Tätigkeit. In der sogenannten Versionsgeschichte jedes Artikels werden die Beiträge jedes einzelnen Autors minutiös dokumentiert. Ein Klick auf den jeweiligen Namen führt zu einer persönlichen Seite des Autors, die, neben einer Auflistung seiner Beiträge, oft genug sein Photo, gerne auch eine Aufzählung seiner Lieblingsbücher etc. offenbart. Bezeichnend sind auch die Listen, in denen der Autor andere von ihm geschätzte Wikipediaschreiber auflistet. Die „anonyme“ Gruppe der Wikipediaautoren ist in eine klassische Community, in der es um Kontakte, Anerkennung u.s.w. geht. Von dem schönen Gedanken, es handle sich um uneigennützige Zeitgenossen, die nur um der „Freiheit der Information“ Willen ihre Freizeit dem Verfassen von Wikipediaartikeln opfern, kann man getrost Abschied nehmen. Auch mit der gemeinsamen Autorenschaft der Artikel ist es bei genauer Betrachtung nicht weit her. Zwar wird das Lexikon als Ganzes von vielen Autoren geschrieben, die einzelnen Artikel stammen jedoch zum allergrößten Teil von jeweils einer einzelnen Person, und werden von anderen nur noch marginal, etwa in der Rechtschreibung, nachgebessert.

keine Diskussion

Dies Beobachtungen bei Wikipedia lassen im Umkehrschluss den mangelnden Erfolg des Werkbank Deutschland Projektes verständlich erscheinen. In einer sachorientierten, anonymen Diskussion kann der Einzelne weder Frust ablassen, noch sich in irgendeiner Weise profilieren, oder Gewinn aus seinen Beiträgen schöpfen. Ein Idealismus, der jemanden dazu bringt, eine Idee zu veröffentlichen, ohne dass sie mit seinem Namen verknüpft ist, wird schwerlich zu finden sein. Zumal wenn nicht klar ist, welche Art der Öffentlichkeit die Idee dann genießen würde. Unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten währe zumindest eine gewisse Aufmerksamkeit garantiert gewesen. Aber selbst dann stellt sich die Frage, ob auch nur einem Einzigen die stille Freude über die Aufmerksamkeit, die seine Idee zuteil wird, genügen würde, ohne dass er selbst als deren Urheber im Rampenlicht stände.

In diesem Gedankengang offenbart sich der utopische Charakter des Werkbank Deutschland Projektes nur zu deutlich, und er erklärt auch, warum in einem halben Jahr keine einzige nennenswerte Debatte stattfand.

Florian Geierstanger im Januar 2006

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